Warum visuelle Vergleiche von Balotelli mit Godzilla und Pittiplatsch überhaupt nicht klar gehen

Kaum schießt Mario Balotelli die deutsche Fußball-Elf der Männer mit zwei hammergeilen Toren aus der EM, ist Facebook auch schon gepflastert mit Kollagen à la “Balozilla”, “Balotelli und Godzilla – Brother and Sister!” und “Balotelli und Pittiplatsch – bei der Geburt getrennt?”. Alles nur wegen der ach so lustigen Ähnlichkeit der Frisur natürlich, von Nationalismus und Rassismus keine Spur. (Ich habe nicht besonders viel Lust, das hier auch noch zu verlinken – wer die Bilder unbedingt sehen muss, soll googeln oder openbook.org verwenden).

Eine Analogie zwischen einem Schwarzen Menschen und einem Monster oder Tier zu ziehen und ihn* dabei als wild, bedrohlich und unberechenbar zu konstruieren, ist nicht besonders neu. Das ist der Rassendiskurs der Moderne, hier knackig visuell aufbereitet für das Web 2.0. Das Ganze ist allein von der Facebookseite der 11 Freunde und Oliver Pochers 3500 mal geshared worden – und das sind nur zwei Beispiele. Dass die deutsche Elf einfach die schlechtere Mannschaft war, kann selbstverständlich nicht der Grund gewesen sein. Die italienischen “Straßenköter” (O-Ton Beckmann und Scholl in der Halbzeitpause) haben ein Mensch-Monster-Hybrid in ihrer Mannschaft, wie sollen “normale” Fußballer dagegen auch ankommen…

Nicht besser ist der Vergleich mit dem auf den ersten Blick so süßen Pittiplatsch aus dem Koboldland, einer Figur aus dem DDR Fernsehen. Dieser wird als liebenswürdig, aber  albern und naiv gezeichnet. Er ist die einzige Figur im Märchenwald, die mit ihrer Gestaltung und Charakterisierung Bilder des Hybriden evoziert, was eine weitere Ausformung des oben genannten Diskurses ist. Die Kommentare in den jeweiligen Facebook-Threads kommen dem entsprechend aus der Hölle: N- und B-Wort,  der Godzilla-Vergleich hinkt, weil: “war ja eher affig” und dass das ja nichts werden konnte, wenn “sechs von den deutschen Jungs die Nationalhymne nicht mitsingen”.

Jetzt weiß ich auch wieder, was ich an Fußball früher so daneben fand: Reichsflaggenschwenker_innen, rassistische Beleidigungen und jede Menge Menschen, die nicht zwischen sich selber, einem Fußballteam und einem so abstrakten Konstrukt wie Nation differenzieren können. Und als ob das alles noch nicht erbärmlich genug wäre, bekommt die ARD nach der Ausstrahlung der Tagesthemen am Halbfinal-Tag eine Flut von empörten Zuschriften, weil Ingo Zamperoni es gewagt hat, den Satz “Möge der Bessere gewinnen” mit einem Lächeln im Gesicht im deutschen Fernsehen zu sagen.

Gerade als ich dachte, ich könne in der vom Regen und der Niederlage des deutschen Teams leergefegten Stadt mal ein Fußballspiel ohne Rassismus und Nationalismus sehen, höre ich am Nebentisch jemand sagen, dass Balotelli gar kein Italiener sei, weil es Schwarze Italiener nicht gibt. Seinem Stiznachbarn leuchtet die Logik ein, denn: “Schwarze Deutsche gibt es ja auch nicht.”  So viel zur visuellen Konstruktion der Anderen und deren Verweis außerhalb der imaginierten Grenzen der eigenen Gruppe beim ach so entspannten Party-Event rund um die Fußball-EM der Männer. Spielbertragungen schau ich in Zukunft wohl besser nur noch zu Hause und vor allem ohne Ton.

Gesehen: Bruderschaft

Das Regiedebut des dänischen Regisseurs Nicolo Donato erzählt von der homosexuellen Liebe zweier Neonazis. Lars, der für einen vermeidlichen Flirt mit einem Kameraden aus der dänischen Armee entlassen wird, stösst nach anfänglichem Zögern zu einer Vereinigung, die sich dem Erhalt der weißen Rasse verschrieben hat. Dort trifft er auf den Einzelgänger Jimmy, der ihm erst skeptisch gegenüber steht. Ausgerechnet dieser soll den Neuling, der seinem Bruder den Platz als stetiges Mitglied streitig macht, in die Ideologie der Gruppe einweisen. Doch in der Abgeschiedenheit des Strandhauses, das sich die beiden zu diesem Zweck teilen, kommen sie sich erst freundschaftlich und schließlich liebend näher.

Spätestens nach einer Flugblattaktion mit dem Motto “So und so viele K****en kosten den dänischen Staat so und so viele Kronen, eine Kugel kostet nur eine Krone”, zu der Lars den Wortlaut liefert, ist die Suche nach Sympathietragenden oder einem anderen Identifikationspunkt vorbei. Dass “Bruderschaft” trotzdem einer der spannendsten Filme ist, die ich seit langem gesehen habe, liegt an dem Konflikt, der zwischen verbotener sexueller Orientierung und Rassenideologie nicht größer sein könnte. Es ist schwierig zu sagen, was den Film beklemmender macht: die schonungslosen Einsichten in den Alltag einer Neonazigruppe oder die sich steigernde Gewissheit dessen, was die beiden im Falle ihrer Enttarnung erwartet. In fast unerträglich ruhigem Ton und klaren Bildern erzählt der Film von Männlichkeitskult und Homophobie und von Hass und Liebe. Und so kommt es  schließlich, wie es kommen muss – weil einer der beiden nicht entschlossen genug ist, um rechtzeitig auszusteigen.

Mein Fazit: unbedingt sehenswert – wie auch der Rest des Filmprogramms von Queergestreift, dass noch bis zum 13. März im Konstanzer Zebrakino gezeigt wird.