Flexibel identisch: The United States of Tara

Morgen Nacht startet in den USA die dritte Staffel der Dramedy Serie „The United States of Tara“ auf dem Privatsender Showtime. Seit dem 4. März ist die grandiose TV-Show von Diablo Cody (Juno, Candy Girl: A year in the Live of an Unlikely Stripper) auch auf der ARD zu sehen, immer in Doppelfolge, leider zur unsäglichen Sendezeit von zwei Uhr nachts. Einsfestival zeigt die ersten beiden Staffeln ab Montag (28.03.) zur rezipient_innen-freundlichen Zeit um 20.15 Uhr.

Die Protagonistin Tara Gregson hat einen Beruf, einen Mann, zwei Kinder und eine disoziative Identitätsstörung. In den unpassendsten Momenten ihres Familienalltags schnappt sich eines ihrer Alter Egos ihren Körper, um als erlebnishungrige16-Jährige (T) , pornophiler Vietnam-Veteran (Buck) oder Hausfrau aus dem 50-er Jahre Horrorkabinett (Alice) auf der Bildfläche zu erscheinen. Was das Sexualleben von Taras Mann kompliziert macht, ist für ihre Kinder oft ein Segen, zum Beispiel wenn sich Alice den Lehrer ihres Sohnes vorknöpft oder Buck den rüpelhaften Verehrer ihrer Tochter verprügelt. Ihre Tochter Kate ist hübsch, altklug und gelangweilt und posiert als Prinzessin Valhalla Hawkwind im Internet als Superheldin ohne Vagina. Ihr Sohn Marshall sucht nach seiner sexuellen Identität, die irgendwie homosexuell und intellektuell ist, ohne genau zu wissen, wie und mit wem er das ausleben sollt. Ihre Schwester will einen Mann heiraten, der sich auf den Hochzeitsfotos gut macht, aber die dazugehörige Nacht lieber mit ihrem unattraktiven Nachbarn verbringen. Jede Figur der Serie sucht nach ihrer Identität innerhalb von Kategorien, in die sie nur unzureichend zu passen scheinen, während Taras Alter Egos eine überraschend stabile Identität haben. T will Spaß haben und Jungs aufreißen, Buck will Bier trinken und Frauen aufreißen, Alice will Kuchen backen und Kinder kriegen. Klar, der Hauptspannungsbogen für die Zuschauer_innen ist „Welches dunkle Geheimnis, an das sich Tara nicht erinnern kann, hat ihr Identitäts-Shifting ausgelöst“, aber da ist noch mehr. Dass ausgerechnet die Figuren, die ohne Taras Identitätsstörung gar nicht existieren würden, eine kohärente und fix verortete Identität haben, weist über die reine Handlungsebene hinaus. Mit einer Protagonistin, die irgenwo in den Suburbs von Kansas City unterschiedliche Alter Egos entwickelt, führt “United States of Tara” auch einen Diskurs über die flexiblen Grenzen von (Geschlechts)identität und ironisiert ganz nebenbei so ziemlich alles, was der zwangsheterosexuellen Matrix hoch und heilig ist. Kategorien wie Realität und Identität werden mit viel schwarzem Humor, aber immer mit der nötigen Sensibilität verhandelt. Letztlich wird die Frage gestellt, wer oder was Identität eigentlich „aufführt“: der Körper, das Unterbewusstsein oder die erlernten Muster?

Meine Empfehlung – unbedingt anschauen! Und wer Einsfestival nicht empfangen kann oder nicht bis zwei Uhr nachts aufbleiben will, dem oder der sei zur Bestellung von Staffel I oder ähnlichen Dingen das Internet empfohlen…