Warum visuelle Vergleiche von Balotelli mit Godzilla und Pittiplatsch überhaupt nicht klar gehen

Kaum schießt Mario Balotelli die deutsche Fußball-Elf der Männer mit zwei hammergeilen Toren aus der EM, ist Facebook auch schon gepflastert mit Kollagen à la “Balozilla”, “Balotelli und Godzilla – Brother and Sister!” und “Balotelli und Pittiplatsch – bei der Geburt getrennt?”. Alles nur wegen der ach so lustigen Ähnlichkeit der Frisur natürlich, von Nationalismus und Rassismus keine Spur. (Ich habe nicht besonders viel Lust, das hier auch noch zu verlinken – wer die Bilder unbedingt sehen muss, soll googeln oder openbook.org verwenden).

Eine Analogie zwischen einem Schwarzen Menschen und einem Monster oder Tier zu ziehen und ihn* dabei als wild, bedrohlich und unberechenbar zu konstruieren, ist nicht besonders neu. Das ist der Rassendiskurs der Moderne, hier knackig visuell aufbereitet für das Web 2.0. Das Ganze ist allein von der Facebookseite der 11 Freunde und Oliver Pochers 3500 mal geshared worden – und das sind nur zwei Beispiele. Dass die deutsche Elf einfach die schlechtere Mannschaft war, kann selbstverständlich nicht der Grund gewesen sein. Die italienischen “Straßenköter” (O-Ton Beckmann und Scholl in der Halbzeitpause) haben ein Mensch-Monster-Hybrid in ihrer Mannschaft, wie sollen “normale” Fußballer dagegen auch ankommen…

Nicht besser ist der Vergleich mit dem auf den ersten Blick so süßen Pittiplatsch aus dem Koboldland, einer Figur aus dem DDR Fernsehen. Dieser wird als liebenswürdig, aber  albern und naiv gezeichnet. Er ist die einzige Figur im Märchenwald, die mit ihrer Gestaltung und Charakterisierung Bilder des Hybriden evoziert, was eine weitere Ausformung des oben genannten Diskurses ist. Die Kommentare in den jeweiligen Facebook-Threads kommen dem entsprechend aus der Hölle: N- und B-Wort,  der Godzilla-Vergleich hinkt, weil: “war ja eher affig” und dass das ja nichts werden konnte, wenn “sechs von den deutschen Jungs die Nationalhymne nicht mitsingen”.

Jetzt weiß ich auch wieder, was ich an Fußball früher so daneben fand: Reichsflaggenschwenker_innen, rassistische Beleidigungen und jede Menge Menschen, die nicht zwischen sich selber, einem Fußballteam und einem so abstrakten Konstrukt wie Nation differenzieren können. Und als ob das alles noch nicht erbärmlich genug wäre, bekommt die ARD nach der Ausstrahlung der Tagesthemen am Halbfinal-Tag eine Flut von empörten Zuschriften, weil Ingo Zamperoni es gewagt hat, den Satz “Möge der Bessere gewinnen” mit einem Lächeln im Gesicht im deutschen Fernsehen zu sagen.

Gerade als ich dachte, ich könne in der vom Regen und der Niederlage des deutschen Teams leergefegten Stadt mal ein Fußballspiel ohne Rassismus und Nationalismus sehen, höre ich am Nebentisch jemand sagen, dass Balotelli gar kein Italiener sei, weil es Schwarze Italiener nicht gibt. Seinem Stiznachbarn leuchtet die Logik ein, denn: “Schwarze Deutsche gibt es ja auch nicht.”  So viel zur visuellen Konstruktion der Anderen und deren Verweis außerhalb der imaginierten Grenzen der eigenen Gruppe beim ach so entspannten Party-Event rund um die Fußball-EM der Männer. Spielbertragungen schau ich in Zukunft wohl besser nur noch zu Hause und vor allem ohne Ton.

Liebe Lufthansa,

jetzt mal im Ernst: wer soll die Zielgruppe Ihrer Werbekampagne sein? Männer, deren Lebenspartnerinnen nichts anderes zu tun haben, als sich darüber zu freuen, das Wichtigste in deren Leben zu sein und in Frauenzeitschriften zu blättern? Vielflieger, die selbstverständlich alle in heterosexuellen, monogamen Beziehungen leben, mit Frauen, die natürlich keinen eigenen Status als Vielfliegende besitzen, von einer eigenen Kreditkarte ganz zu schweigen? Gab es eigentlich eine vergleichbare Aktion für Ihre Vielflieger_innen, die es ja irgendwie und irgendwo sogar bei Lufthansa  geben muss?. Bekommen deren “special men*” auch die Möglichkeit, fleißig Meilen zu sammeln, damit die dann mit Schatzi auf einen romantischen Kurzurlaub nach – natürlich – Paris fliegen können oder sind die Geschlechterklischees  da nicht so einfach umkehrbar?

Au weia… Ganz klar, “Mad Men” ist eine tolle Fernsehserie, aber ausgerechnet die Agentur Sterling Cooper mit Ihrer Werbung zu beauftragen, war dann vielleicht doch keine so gute Idee. Vielleicht interessiert es Sie, was meine Mutter (Jahrgang ’54 und nicht unbedingt Feministin) zu Ihrer Aktion gesagt hat: “Hat das ein Mann geschrieben?” – “Wer soll den der Adressat von diesem Brief sein?” – “Wo sind die letzten 40 Jahre geblieben?”  und “Ganz schön blamabel”.

Dem gibt es eigentlich nicht mehr so viel hinzuzufügen, außer vielleicht den bahnbrechenden Hinweis, dass wir heute den 21.06.2012 schreiben. 21. Jahrhundert also. Viel Erfolg bei der Landung!

Beste Grüße,

Franca M’hamdi

PS: Über die In- und Exkusionsmechanismen Ihrer Kampagne haben sich noch andere Gedanken gemacht – und zwar wesentlich ausführlicher als ich. Lesempfehlung!

Nachtrag vom 22.06.2012:

Seit gestern Abend verschickt die Lufthansa folgende Nachricht an alle, die sie auf Twitter für ihre Kampagne kritisiert haben: “LH und Miles&More entschuldigen sich für das Woman’s Card Mailing. Alle begleitenden Maßnahmen haben wir gestoppt.” Gegenüber Süddeutsche.de äußerte die Lufthansa, es wäre zu keiner Zeit ihre Absicht gewesen “überholte Rollenbilder zu bedienen”. Warum die Kampagne dann überhaupt mit diesem Inhalt geschaltet wurde, bleibt offen. Peinlich bleibt das für ein Unternehmen, das stolz darauf ist, der erste DAX-Konzern mit einer Frau an der Spitze zu sein, allemal. Sexistische Werbung schalten aber auch andere Airlines, wie zum Beispiel Air Berlin. Deren Kampagne geht nach gleichen Logik ganz selbstverständlich davon aus, dass Frauen für ihre Finanzen nicht selber aufkommen. So viel zum Thema überholte Rollenbilder im Jahr 2012.

Gesehen: Bruderschaft

Das Regiedebut des dänischen Regisseurs Nicolo Donato erzählt von der homosexuellen Liebe zweier Neonazis. Lars, der für einen vermeidlichen Flirt mit einem Kameraden aus der dänischen Armee entlassen wird, stösst nach anfänglichem Zögern zu einer Vereinigung, die sich dem Erhalt der weißen Rasse verschrieben hat. Dort trifft er auf den Einzelgänger Jimmy, der ihm erst skeptisch gegenüber steht. Ausgerechnet dieser soll den Neuling, der seinem Bruder den Platz als stetiges Mitglied streitig macht, in die Ideologie der Gruppe einweisen. Doch in der Abgeschiedenheit des Strandhauses, das sich die beiden zu diesem Zweck teilen, kommen sie sich erst freundschaftlich und schließlich liebend näher.

Spätestens nach einer Flugblattaktion mit dem Motto “So und so viele K****en kosten den dänischen Staat so und so viele Kronen, eine Kugel kostet nur eine Krone”, zu der Lars den Wortlaut liefert, ist die Suche nach Sympathietragenden oder einem anderen Identifikationspunkt vorbei. Dass “Bruderschaft” trotzdem einer der spannendsten Filme ist, die ich seit langem gesehen habe, liegt an dem Konflikt, der zwischen verbotener sexueller Orientierung und Rassenideologie nicht größer sein könnte. Es ist schwierig zu sagen, was den Film beklemmender macht: die schonungslosen Einsichten in den Alltag einer Neonazigruppe oder die sich steigernde Gewissheit dessen, was die beiden im Falle ihrer Enttarnung erwartet. In fast unerträglich ruhigem Ton und klaren Bildern erzählt der Film von Männlichkeitskult und Homophobie und von Hass und Liebe. Und so kommt es  schließlich, wie es kommen muss – weil einer der beiden nicht entschlossen genug ist, um rechtzeitig auszusteigen.

Mein Fazit: unbedingt sehenswert – wie auch der Rest des Filmprogramms von Queergestreift, dass noch bis zum 13. März im Konstanzer Zebrakino gezeigt wird.

Coffee, tea or me? Oder warum manche Klischees einfach nicht aussterben wollen.

31. Januar – genau das richtige Datum, um zu überlegen, was mir das vergangene Jahr alles gebracht hat. Durch meinen Job als Flugbegleiterin: viel Arbeit, viel Geld (das ausnahmsweise mal auf dem Sparkonto gelandet ist) und jede Menge entnervende Werbung auf meinem Arbeitsweg. 146 Tage habe ich dieses Jahr gearbeitet, das heisst, grob über den Daumen gepeilt bin ich 60 mal von Konstanz zum Zürcher Flughafen und zurück gefahren. Davon bin ich ein halbes Jahr lang an dieser Werbung hier vorbei gelaufen. Das ist auf so vielen Ebenen dröge, dass ich eigentlich keine Lust habe, viel zu analysieren. Um es kurz zu machen: Frau (hier in der wenig facettenreichen Form eines bestimmten, mit etlichen Phantasievorstellungen aufgeladenen, typischen Frauenberufs) = Ware, Mann (der vermeintlich schon dank seines Berufstandes das Privileg hat, aus einen grossen Pool an attraktiven Frauen zu wählen) = Konsumierende_r. Die Querverbindung sollte klar sein: im Airportcenter am Flughafen Zürich haben die Konsumierenden so viel und so lange die volle Warenauswahl wie ein Pilot auf Brautschau bei den Stewardessen (und ja, genau das ist mit ein Grund dafür, warum die Bezeichnung heute nicht mehr Air-Hostess/Stewardess, sondern Flight Attendant/Flugbegleiterin  lautet – heute werden nämlich nicht mehr die Männer, sondern die Flüge begleitet). Die Zeiten, in denen die Stewardess ein Produkt war wie die Seife auf der Toilette (wie ein Artikel im Fakts 06/2001 so uncharmant, aber treffend bemerkt) oder Heirat und Schwangerschaft ein Kündigungsgrund und Unterwäschekontrollen an der Tagesordung,  sind zum Glück vorbei. Schade ist nur, dass  diese Neuigkeit den Flughafen Zürich noch nicht erreicht hat. Gerade als ich dachte, jemand sei auf den Trichter gekommen (die Werbung wurde dann irgendwann von einem schwungvollen Frauenbein ersetzt) hat Sexismus allein zum bewerben des (zugegebener Massen reichhaltigen) Warensortiment des Airportcenter  nicht mehr ausgereicht – noch origineller konnte nur  Rassismus sein. Geschmackloser Weise bekommt jede_r, der/die im Foodland (das übrigens auch ziemlich gross ist und täglich jede Menge Tabletts herausgibt) etwas zu essen bestellt, das Foto als Tablettauflage unter den Teller – damit die für den eigenen  “Geschmack” gleich aus nächster Nähe begutachtet werden kann. Und weil ich unlängst auf Twitter gefragt wurde, was denn daran rassistisch sein soll, erkläre ich auch das noch mal gerne: mit der Querverbindung vom Leibgericht zur favorisierten weiblichen Ethnie wird nicht nur das Geschlecht, sondern gleich noch die Ethnie mit fetischisiert.

Wenn mensch sich bewusst wird, welche Agentur seit neustem für die Anzeigen des Airportcenter im Flughafen Zürich verantwortlich ist, wird so manches klar. Dass die Agentur an der Limat in Sachen Geschlechterfragen noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist, wird keine_n überraschen, der/die ihre Anzeigenpraxis kennt. Dass das auch auf den  Flughafen in einer Stadt zutrifft, die eine hervorragende Homepage in Sachen sexistischer Werbung hat, ist dagegen ziemlich erbärmlich. Angeblich soll hier durch die optische Anlehnung an  einen Baggage-Tag als “sujetübergreifendes Element (…) der Bezug zur Welt des Fliegens gemacht” werden. Stattdessen bedient sich die neue Werbeagentur des Flughafen Zürichs am Relikt der immer zur Verfügung stehenden Frau, um den Umsatz zu steigern.  Und was für ein Berufsstand würde sich an einem Flughafen besser dafür anbieten als der der Flugbegleiterin, der dank der endlosen Fortschreibung von Geschlechterstereotypen sein Hostessen-Image wohl nie verlieren wird.

Und um nicht nur auszuteilen, muss auch ich zu meiner Schande gestehen, dass ich es selber ein geschlagenes Jahr lang nicht geschafft habe, mich darüber an offizieller Stelle zu beschweren – und das, obwohl auch dieses wie und was auf der Homepage ganz explizit und einfach erklärt wird. Da  meine Vorsätze für das folgende Jahr  meistens nicht über das Vorsatzstadium hinauskommen, hab ich jetzt zumindest einen, den ich wirklich  in die Tat umsetzen sollte.

Fair Shopping around the Globe – Montreal

Ich habe lange überlegt, inwiefern (und ob überhaupt) ich die Reisen, die mein Broterwerb als Flugbegleiterin so mit sich bringt, in dieses Blog  einfliessen lassen soll. Einkaufen war immer meine Lieblingsstrategie gegen den omnipräsenten Jetlag – ein ständiger will-ich-das-brauch-ich-das-soll-ich-das-kaufen-Reiz, der mich wach gehalten hat. Durch meine fair Shopping Vorsätze dieser Wunderwaffe beraubt hat, werde ich ab jetzt meine Bemühungen dokumentieren, vor Ort überhaupt noch was zum Anziehen zu finden. Hier kommt also meine neue Kolumne: Fair Shopping around the Globe.

Der Reigen beginnt mit Montreal, bis dato eine meiner favorisierten Einkaufsdestinationen. Alle von mir geliebten (und mittlerweile als untragbar aussortieren) Geschäfte reihen sich auf der Rue St. Catherine aneinander – zehn Gehminuten vom Hotel, war wirklich immer total praktisch. Da die Strasse zu Einkaufszwecken gar nicht mehr entlanglaufen möchte, beginne ich schon zu hause mit meinen Recherchen. Der sich verdichtende Eindruck ist: Montreal scheint nicht gerade ein fair Shopping Paradies zu sein. Es gibt ein bis zwei Geschäfte, die ein kleines Sortiment an Kleidern haben sollen, aber nicht gerade um die Ecke liegen. In der Nähe befindet sich genau ein “faires” Geschäft: American Apparel.

Der Hersteller schreibt sich seit jeher faire Herstellungsbedingungen auf die auf die Fahne und ist damit hip geworden – außerdem fällt er gerne mal durch sexistische Werbung auf. AA produziert in Los Angeles, zum zweifachen des amerikanischen Mindestlohns, aber immer noch unter Bedingungen, bei denen die Amerikaner_inner den Einwanderer_innen gerne den Vortritt lassen. Bei letzteren hat AA  wegen ihren Sozialleistungen einen hervorragenden Ruf, denn ausser 13 Dollar Stundenlohn zahlen sie ihrer Belegschaft auch noch die Krankenversicherung. Ihr jüngster Skandal hat ein viertel der Belegschaft als illegal entlarvt, für deren Bleiberecht sich die Firma immerhin eingesetzt hat. Wo oder unter welchen Bedingungen die verwendete Baumwolle hergestellt wird, bleibt allerdings völlig im Dunkeln, was in Punkto Schutz vor Pestiziden und existenzsichernden Löhnen durchaus wissenswert wäre. Zur Steigerung der Verkaufszahlen  hat AA unlängst eine Einstellungspraxis eingeführt, bei der die Bewerber_innen nach ihrem Äußeren ausgesucht werden. In einer Linie nebeneinander aufgereiht werden Noten fürs Erscheinungsbild vergeben, die Entscheidung fällt dann anhand von Ganzkörperfotos in der Chefetage. Mit Piercings oder Tattoos sieht es schlecht aus mit einem Job als Verkäufer_in,  fehlende Attraktivität ist ein Kündigungsgrund. Das alles für einen Job, der mit 9 Dollar nur knapp über dem Mindestlohn vieler amerikanischer Bundesstaaten entlohnt wird. Aktuell such American Apparel “THE NEXT BIG THING” – ein XL-Modell, dass dann ihre Kurven in genau den ach so verkaufssteigernden Posen zeigen darf, die sonst den Magermodells vorbehalten sind. Darüber kann mensch geteilter Meinung sein – immerhin brechen sie damit ein Schönheitsideal – was die viel-nackte-Haut-verkauft-viel-Kleidung-Nummer allerdings nicht weniger sexistisch macht. Dass ihr Macher unlängst erklärte, er könne den Ausdruck “fair wear”  langsam nicht  mehr hören, macht auch nicht gerade Lust auf mehr. Und so geht es weiter: gleich mehrere Klagen wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, Gewerkschaftsgründungen sind unerwünscht. Mein klares Fazit vor Abflug ist: für ein Unternehmen, dass seine Klamotten unter fairen Bedingungen unters Volk bringt, kann ich AA nicht wirklich halten.

Die Neugier auf ihre Ware und die Tatsache, seit einem geschlagenen halben Jahr keine Klamotten mehr gekauft zu haben (von der bevorstehenden kalten Jahreszeit, für die ich wie immer miserabel gerüstet bin, ganz zu schweigen), trieb mich dann doch vor ihre Filiale in der Rue St. Chatherine. Nach einem Blick ins Schaufenster wird klar, dass ich für das Gebotene meine Vorsätze sicher nicht brechen muss. Der 5. September tat dann sein übriges, um mir die Entscheidung abzunehmen. Passenderweise war Labour Day – und an diesem Tag sind sogar in Nordamerika die Geschäfte mal geschlossen.

Tauschen statt kaufen

Hier noch ein kleiner Nachtrag zu “Warum fair shoppen feministisch ist”. Eine alternative Einkleidungsstrategie hatte ich tatsächlich ganz vergessen: Klamottentauschbörsen! Belebt vorkapitalistische Strukturen, setzt der Verschwendung etwas entgegen und bietet Ware zum anfassen und weitertragen. Während ich hier in der süddeutschen Provinz in Sachen fair shopping auf Online-Shops und Second-Hand-Läden angewiesen bin, sei allen Großstadtkindern die Plattform Klamottentausch empfohlen, die Termine für Kleidertauschveranstaltungen vor Ort auflistet.  Deren Betreiber schreibt auf seinem Blog unter anderem zum Thema Nachhaltigkeit und stellt ebenfalls eine erschöpfende Liste öko-fairer Online-Shops zur Verfügung. Anklicken lohnt sich. Ein bisschen kommerzieller gestaltet sich Kleiederkreisel, eine gebührenfreie Online-Plattform zum Klamotten tauschen, kaufen und/oder verschenken.

Warum fair shoppen feministisch ist

Textilien werden in globaler Arbeitsteilung hergestellt. Die Kleidungsstücke reisen im Herstellungsprozess mehrmals um die Welt, bevor sie in den Auslagen unserer Geschäfte landen. Von der Baumwollernte auf den Feldern übers Färben bis in die Näherei sind die Arbeitsbedingungen mies bis menschenverachtend: Arbeit ohne Pause und ausreichende Schutzkleidung, ohne existenzsichernde Löhne, nicht selten kommen Kinder zum Einsatz. Das betrifft nicht nur die Ware von Billigdiscountern, sondern die aller großen Textilkonzerne. Usbekistan ist der zweitgrößte Exporteur von Baumwolle, dort werden zur Baumwollernte kurzerhand die Schulen geschlossen. Das heißt staatlich verordnete Kinderarbeit mit engen Quoten und harten Strafen bei Nichterfüllung. Rund achtzig Prozent aller Textilverarbeitenden sind weiblich und Kinderarbeit ist immer dann die Regel, wenn viel Handarbeit zu leisten ist, wie zum Beispiel bei der Baumwollernte oder bei feinen Stickereien. Die Lohnkosten einer Hundert-Euro-Jeans belaufen sich auf einen Euro, während fünfundzwanzig für die Werbung ausgegeben werden. Die exorbitante Gewinnspanne von fünfzig Euro streichen die Textilriesen ein. Da scheint es ein leichtes, dem Individualismus und Liberalismus den Rücken zu kehren und sich der anti-kapitalistischen Wurzeln des Zweite-Welle-Feminismus zu erinnern und nur noch fair und ökologisch nachhaltig hergestellte Ware zu kaufen. Das wäre ein solidarischer Akt mit den Frauen und Kindern, die für die Herstellung unserer Fünf-Euro-Shirts und teuren Markenjeans für Hungerlöhne schuften.

Wer sich also aufmacht, nach fair und ökologisch nachhaltig hergestellter Kleidung zu suchen, stößt leider bald an Grenzen. Da es keine staatlich geschützten Siegel gibt, quälen sich die Kaufwilligen durch eine unübersichtliche Vielfalt selbst kreierter Herstellerlabels. Zahlreiche Foren für die weltweit schnellst wachsende Konsumierendengruppe schaffen Abhilfe – doch der Aufwand bleibt. Darüber hinaus auch die Unsicherheit, ob ein Label tatsächlich durchgängig auf faire und ökologisch nachhaltige Produktionsbedingungen setzt. Wer Siegel auf ihren Standard überprüfen will, kann sie bei label-online.de einspeisen, das mit 450 verzeichneten Labels aller Art das größten europäische Portal ist. Die Anzahl der verlässlichen Herstellungssiegel beschränkt sich jedoch auf zwei: GOTS (Global Organic Textile Standard), das einzige umfassende Öko- und Sozialsiegel und FWF (Fair Wear Foundation), das strengste reine Sozialstandardsiegel. Ein weiteres Problem stellt die eingeschränkte Auswahl dar, ein anderes der höhere Preis. Die meisten fair und nachhaltig hergestellten Kleidungsstücke gibt es nach wie vor nur online zu bestellen. Zwar sind Geschäfte, die solidarischen Konsum ermöglichen, mittlerweile auch in den Strassen der größeren und kleineren Städte angekommen. Dort aber genau die Klamotten zu finden, die dem eigenen Stil und Geldbeutel entsprechen, braucht einiges Durchhaltevermögen. Die existenzsichernden Löhne sind es nicht, die faire und nachhaltige Ware im Endeffekt teurer machen (mit 3 statt einem Prozent Lohnanteil wäre das schon erreicht), sondern die unabhängigen und nahtlosen Kontrollen der Herstellungsbedingungen von der Baumwollernte bis zum Endverbrauchenden, die beim Einsatz von weniger Gift und besseren Schutzmassnahmen eben entsprechend teurer sind. Bewusst Konsumierende werden nicht darum herum kommen, sich gut zu vernetzen, ausgiebig zu recherchieren und ein paar Euro mehr für ihre Kleidung zu zahlen .

Ein Aufwand, der sich lohnt, denn die gute Nachricht ist, dass die wachsende Zahl alternativen Labels mittlerweile einen nicht unerheblich Druck auf die Großkonzerne ausübt. Diese haben neben dem gewünschten maximalem Profit noch eine weitere wichtige Sache zu verlieren, nämlich ihren guten Ruf. Gerne verweisen die großen Textilunternehmen auf die vermeintliche Unkontrollierbarkeit der Zustände in fernen Fabriken. Da sie zahlungskräftige Auftraggeber sind, könnten sie aber sehr wohl auf die Produktionsbedingungen ihrer Zulieferer einwirken. Oft sind es die engen Zielvorgaben und die Preisvorstellungen, die ihre Zulieferer unter Druck setzen und bei Kontrollen zur Vorspiegelung falscher Tatsachen führen. Jede Kaufentscheidung ist ein Mittel, Großkonzerne unter Druck zu setzen und zum Umdenken zu bewegen. Sie ist eine Möglichkeit, sich im globalen Produktionskarusell zur positionieren und so auf die Arbeitsbedingungen der Textilbranche einzuwirken. Wer sich die Mühe macht, nach fair und nachhaltig hergestellter Ware zu suchen, handelt solidarisch und ist bereits auf dem Weg in eine post-kapitalische Gesellschaft, in der Entscheidungen anhand von ethischen Koordinaten anstelle bloßer Profitorientierung getroffen werden.

Um den Berg an aussortierter Kleidung in Deutschland nicht über die 1,5 Milliarden Stück pro Jahr hinauswachsen zu lassen, bieten sich noch andere Einkleidungsstrategien an: Qualitätsware und Klassiker kaufen, die auch nach mehreren Jahren noch tragbar sind – auf Biobaumwolle umsteigen, für die allgemein höhere soziale Standards in der Herstellung gelten – Lieblingslabels überprüfen und gegebenenfalls transparente oder bessere Herstellungsbedingungen fordern – Kampagnen unterstützen – Kleidungsstücke tauschen, verschenken oder second-hand (ver)kaufen.

Quellen und Bücher mit Bekehrungspotential:

  • Kirsten Brodde: Saubere Sachen. Wie man grüne Monde findet und sich vor Öko-Etikettenschwindel schützt, München 2009
  • Greenpeace Magazin: Textil-Fibel 4, 2/2011
  • Mode, Macht und Frauenrechte. Schriftenreihe NEIN zu Gewalt an Frauen, Tübingen 2003
  • Klaus Werner, Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne, Wien 2006

Blogs und Links:

Kampagnen

Dieser Artikel entstand auf der Recherchegrundlage eines Beitrages zum Queerfeministischen Taschenkalender der Riotskirts, den ich seit 2010 regelmässig kaufe und (nicht nur wegen meiner Mitarbeit an der kommenden Ausgabe ;-) wärmstens empfehlen kann.